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Am 5. Juli fand im Wiener Palais Strudlhof die erste Mediationstagung der Fachgruppen des Österreichischen Bundesverbands für Mediation (ÖBM) statt. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Konfliktmanagement in Österreichs Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“.

Vor dem Hintergrund technologischer Veränderungen und polarisierender Tendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft, diskutierten hochkarätige Experten aktuelle Herausforderungen in den Bereichen Konfliktmanagement und Mediation.

Den Auftakt der Tagung bildete ein spannender Vortrag von Prof. Friedrich Glasl, gefolgt von einem hochkarätig besetzten Expertenpanel. Wachsende Polarisierungstendenzen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft führen, so Prof. Glasl, zu „Achsenverschiebungen“ in all diesen Bereichen. Die zunehmende Digitalisierung trägt zu diesen Veränderungen bei.

Individualisierung vs Globalisierung

Die Folgen der Digitalisierung und der damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen werden immer spürbarer. Damit verbunden sind auch eine Vielzahl von Möglichkeiten für den Einzelnen, die vor weniger Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wären. Individuelle Bedürfnisse können immer unmittelbarer befriedigt werden. Und diese Möglichkeiten werden auch in Anspruch genommen: Mobiles Arbeiten und Social Media ermöglichen so gut wie jede denkbare Information, Kommunikation und Selbstausdruck auf Knopfdruck. Einzelinteressen und deren unmittelbare Befriedigung erhalten – je nach individuellem Persönlichkeitsprofil – eine immer bedeutendere Rolle ein. Folge ist eine zunehmende Individualisierung, manche Autoren nennen es „Vereinzelung“ oder sogar  „Atomisierung“ der Gesellschaft: Jeder kämpft für sich und das nach eigenem Geschmack und eigenen Fähigkeiten.

Demgegenüber steht das gemeinsame, verbindende Ganze. Ein Teil dieses Ganzen sind auch Menschen, die aufgrund Ihrer Persönlichkeitsstruktur mit den Folgen der digitalen Vereinzelung immer schlechter zurecht kommen und die auf die Unterstützung durch den Rest der Gesellschaft angewiesen wären. So der Grundtenor einer Reihe von Vorträgen der Veranstaltung. Demnach treten Überlegungen, die das Gemeinwohl im Fokus haben, immer weiter in den Hintergrund.

Konfliktmanagement für Führungskräfte

Der erfolgreiche Umgang mit Konflikten zählt zu jenen Kompetenzen, die Führungskräften tagaus, tagein abverlangt werden, so auch INARA-Geschäftsführerin Dr. Brigitta Schwarzer.,Teilnehmerin der Podiumsdiskussion und Vertreterin aus der Wirtschaft in dieser Runde.  Auch für Dr. Schwarzer besteht Handlungsbedarf in der Entwicklung von Konfliktmanagementkompetenz in Österreichs Führungsetagen.

Aus all den oben genannten Überlegungen folgen für Führungskräfte in der Wirtschaft eine Reihe von Empfehlungen, dies vor allem im Hinblick auf das Thema Konfliktmanagement:

  • Auf einer globalen Ebenen ist wichtig, die Aufmerksamkeit auf das Wechselspiel zwischen alten und neuen Paradigmen zu lenken.
  • Auch der gekonnte Umgang mit Widersprüchen, Aporien und Polaritäten zählt zu den großen Herausforderungen für Führungskräfte.  Gerade im Umgang mit gegenläufigen Interessen wirtschaftlicher und politischer Akteure ist es entscheidend, je nach Situation den passenden Führungsstil und damit auch Konfliktmanagement-Stil zu wählen.
  • Damit das gelingt, brauchen Führungskräfte eine gut ausgebildete Ambiguitätstoleranz. Sie müssen also lernen, in Situationen, in denen widersprüchliche Denkmodelle und Interessen zutage treten (etwa in Konflikten), diese nicht nur zu ertragen, sondern auch souverän und produktiv zu nutzen.

Ambiguitätstoleranz: Über den Umgang mit Widersprüchlichkeiten

Doch warum ist Ambiguitätstoleranz so wichtig? Der ständige Umgang mit Widersprüchen kann für manche Menschen zu psychischen Spannungen führen. Auf ungewisse Ausgänge komplexer Situationen reagieren sie mit Stress. Dieser wiederum kann den gefürchteten „Tunnelblick“ erzeugen. Die Folge ist ein eingeschränkten Blick auf die Realität und oft auch eine gewisse kognitive Kurzsichtigkeit.

Entscheidungen, die unter solchen Bedingungen gefällt werden, lassen zu wünschen übrig: Die langfristigen Auswirkungen des eigenen (oder auch kollektiven) Handelns werden dabei außer Acht gelassen.

„Understand that the ability to deal with not knowing is far more powerful than knowing.“ (Ray Dalio)

Um gute und tragfähige Entscheidungen zu treffen, ist nicht nur der souveräne Umgang mit Ungewissheit, sondern auch Weitblick eine der wichtigsten Voraussetzungen. Und gerade diesen Weitblick zu haben, ist Aufgabe einer Führungskraft. Andere Menschen verantwortungsvoll zu führen bedeutet, den Blick für die Komplexität der Umwelt zu öffnen. Darüber hinaus gilt es, diese zu erkennen und intelligente Schlüsse zu ziehen. Das ist die Basis guter Entscheidungen.

Diese Art zu führen, sollte allerdings nicht auf einige wenige Sternstunden begrenzt sein. Führungskräfte müssen auch in der Lage sein, einmal gesetzte Ziele auch über lange Zeitraume hinweg konsequent zu verfolgen. Langfristig zukunftsorientiertes Arbeiten (und das Verfügen über die sogenannte „Time Span Capacity) zählt also ebenso zu den Kernkompetenzen von Managern, Vorständen und Unternehmern.

Schließlich müssen erfolgreiche Führungskräfte immer wieder den Mut aufbringen, auch traditionell erfolgreiche Konzepte kritisch zu hinterfragen. Erkennen sie, dass diese Modelle keine Gültigkeit mehr besitzen, müssen Führungskräfte bereit sein, sich davon zu lösen und proaktiv zu neuen Ufern aufzubrechen.

Konfliktmanagement ist Führungsaufgabe

Technische Entwicklungen, allen voran die Digitalisierung, führen zu gravierenden Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft. Wir leben in einer Zeit voller Umbrüche. Die Geschichte zeigt, dass damit auch immer große Konflikte einhergehen. Gelungenes Konfliktmanagement in der Wirtschaft bedeutet, diesen Konflikten verantwortungsvoll und situationsadäquat zu begegnen. In kritischen Verhandlungssituationen dürfen wir uns nicht zu ausschließlich auf kurze Sicht wirksamen Reaktionen hinreissen lassen.

Schließlich müssen Führungskräfte auch an der nötigen Resilienz arbeiten. Das gilt besonders gegenüber konfliktbeladenen Situationen. Mitunter bedeutet dies harte Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Gelingt diese Entwicklung allerdings, sind die Folgen erfreulich: Wir haben es dann mit Führungskräften zu tun, die uns – ausgestattet mit dem richtigen Maß an Konfliktkompetenz – mit Weitblick und Umsicht in die Zukunft führen.

Als Sprecherin der Fachgruppen im Vorstand des ÖBM bedanke ich mich bei allen Kolleginnen und Kollegen, die diese Mediationstagung möglich gemacht haben.

Mehr zu dieser Tagung:
Weitere Informationen und vor allem Fotos (Fotografie Klaus Prokop) zu dieser Veranstaltung finden Sie auf den News-Seiten der ÖBM-Fachgruppen

OEBM Tagung 2019

Drei der Veranstalterinnen: Dr. Christa Fischer Korp, Dr. Judith Girschik, Mag. Susanne Ertl

Dr. Brigitta Schwarzer, Dr. Judith Girschik