Ghosting im Business: Warum Schweigen keine Führungsstrategie ist

Was der diplomatische Funkstille zwischen Sánchez und Merz mit Ihrem Vorstandsbüro gemeinsam hat, und was Führungskräfte daraus lernen können.

Wenn ein Regierungschef den Anruf eines anderen Regierungschefs nicht annimmt, ist das eine Nachricht. Keine gesprochene, aber eine unmissverständliche.

Genau das passiert gerade auf der Weltbühne: Spaniens Premierminister Pedro Sánchez nimmt die Anrufe von Deutschlands Kanzler Friedrich Merz offenbar nicht mehr entgegen. Der Hintergrund: ein Vorfall im Oval Office, bei dem US-Präsident Trump Spanien öffentlich attackierte, und Merz daneben saß, ohne ein Wort der Solidarität.

Als Executive Coach, die täglich mit C-Level-Führungskräften arbeitet, kenne ich dieses Phänomen, nicht von der Weltbühne, sondern aus Vorstandsetagen, Geschäftsführungen und Managementteams. Ghosting im beruflichen Kontext ist verbreiteter, als die meisten zugeben würden.

Was ist Ghosting im beruflichen Kontext?

Den Begriff kennen die meisten aus dem Dating: Jemand bricht ohne Erklärung den Kontakt ab. Im Business zeigt sich Ghosting subtiler, aber nicht weniger wirkungsvoll. E-Mails, die tagelang unbeantwortet bleiben. Rückrufe, die nie kommen. Meeting-Einladungen, die ignoriert werden. Entscheidungen, die „vertagt” werden, immer und immer wieder.

Was all diese Verhaltensweisen gemeinsam haben: Sie sind keine Nicht-Kommunikation. Sie sind hochgradig aktive Kommunikation. Schweigen ist nie neutral. Es ist immer eine Botschaft.

Warum ghosten Führungskräfte?

In meiner Arbeit als Executive Coach begegnen mir verschiedene Motive hinter dem Schweigen:

Machtdemonstration: Wer nicht antwortet, signalisiert: „Ich bestimme das Tempo.” Im Fall Sánchez-Merz ist die Botschaft klar: Solidarität ist keine Einbahnstraße. Im Unternehmen sieht das ähnlich aus, wenn ein Vorstand die Anfragen eines anderen konsequent auflaufen lässt, ist das selten Zufall.

Konfliktvermeidung: Viele Führungskräfte haben nie gelernt, schwierige Gespräche zu führen. Nicht antworten fühlt sich sicherer an als konfrontieren. Kurzfristig mag das stimmen, langfristig eskaliert es fast immer.

Überforderung: Manche Führungskräfte sind schlicht überfordert von der Anzahl an Entscheidungen, Konflikten und Anforderungen. Das Schweigen ist dann kein Kalkül, sondern ein stiller Hilferuf.

Strategisches Kalkül: In Verhandlungssituationen wird Schweigen bewusst als Taktik eingesetzt. Wer nicht reagiert, zwingt die andere Seite, den nächsten Schritt zu machen, oft zu eigenen Ungunsten.

Was richtet Ghosting in Organisationen an?

Die Auswirkungen sind erheblich, und werden systematisch unterschätzt:

Vertrauensverlust: Vertrauen ist die Währung jeder Organisation. Wer ghostet, entwertet sie. Teams, die ihren Führungskräften nicht vertrauen können, dass Anfragen beantwortet und Zusagen eingehalten werden, beginnen sich abzusichern, mit CC-Mails, Protokollen und Eskalationen.

Entscheidungsstau: Wenn eine Schlüsselperson nicht reagiert, stehen ganze Projektteams still. Die Kosten dafür sind real: in Produktivität, in Motivation und letztlich in Euro.

Kultureller Schaden: Ghosting an der Spitze normalisiert Ghosting in der gesamten Organisation. Wenn die Geschäftsführung E-Mails tagelang ignoriert, wird das zum ungeschriebenen Gesetz: Hier muss man nicht antworten.

Was können Führungskräfte aus dem Fall Sánchez-Merz lernen?

Der diplomatische Fall zwischen Spanien und Deutschland ist ein Lehrbuch-Beispiel für eine Dynamik, die in jeder Organisation auftreten kann. Drei Erkenntnisse sind besonders relevant:

1. Schweigen eskaliert. Was als stille Distanzierung beginnt, wird schnell zum öffentlichen Konflikt. In der Diplomatie lesen wir darüber in der Zeitung. In Unternehmen erfahren es die Mitarbeitenden über den Flurfunk.

2. Loyalität wird in Krisenmomenten bewiesen. Merz’ Schweigen im Oval Office wurde als fehlende Solidarität interpretiert. Im Unternehmenskontext ist die Parallele klar: Wenn eine Führungskraft ihr Team in einer schwierigen Situation nicht verteidigt, zerstört das Vertrauen, manchmal unwiderruflich.

3. Souverän führen heißt: auch unangenehme Gespräche führen. Die professionellste Reaktion wäre gewesen, den Konflikt direkt anzusprechen, persönlich, nicht öffentlich, aber zeitnah. Das gilt in der Politik genauso wie in jeder Vorstandsetage.

Wie gehe ich als Führungskraft mit Ghosting um?

Ob Sie selbst zum Schweigen neigen oder davon betroffen sind: hier sind konkrete Ansätze aus meiner Coaching-Praxis:

Reflektieren Sie Ihr eigenes Kommunikationsverhalten. Gibt es Anfragen, die Sie systematisch aufschieben? Menschen, denen Sie konsequent ausweichen? Muster zu erkennen ist der erste Schritt.

Benennen Sie das Muster. Wenn Sie geghostet werden: Sprechen Sie es an. Nicht vorwurfsvoll, sondern sachlich. „Ich habe den Eindruck, meine letzten drei Nachrichten blieben unbeantwortet. Gibt es etwas, das wir klären sollten?”

Schaffen Sie Strukturen für schwierige Gespräche. Regelmäßige Eins-zu-eins-Gespräche, klare Eskalationswege und eine Kultur, in der Feedback erwünscht ist, machen Ghosting überflüssig.

Holen Sie sich externe Unterstützung. Manchmal sind die Muster so eingefahren, dass es einen Blick von außen braucht. Executive Coaching kann helfen, Kommunikationsblockaden zu lösen und einen souveränen Umgang mit Konflikten zu entwickeln.

Fazit: Führung beginnt mit Haltung

Ghosting, ob auf der Weltbühne oder im Vorstandsbüro, ist immer ein Symptom. Es zeigt, dass etwas Ungelöstes unter der Oberfläche liegt. Und es zeigt, dass jemand sich entschieden hat, dieses Ungelöste nicht anzusprechen.

Souveräne Führung bedeutet, auch dann zu kommunizieren, wenn es unbequem ist. Nicht jedes Gespräch muss sofort stattfinden. Aber die Bereitschaft zum Gespräch muss immer signalisiert werden.

Denn eines ist sicher: Nicht zu antworten ist auch eine Antwort. Und selten die klügste.


Zum Thema „Ghosting als Machtspiel” wurde ich kürzlich vom derStandard interviewt.

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