Executive Presence: Was wirklich wirkt und was nicht

Mai 5, 2026

Eine Beobachtung aus über fünfzehn Jahren Coaching mit C-Level: Die meisten Führungskräfte, die mich aufsuchen, sind fachlich brillant. Sie haben Ergebnisse vorzuweisen, sie verstehen ihre Märkte, sie denken strategisch. Und trotzdem berichten viele dasselbe Phänomen: Im entscheidenden Moment (im Vorstand, vor Investor:innen, in der schwierigen Personalentscheidung) wirken sie nicht so, wie sie sich fühlen wollen. Was hier fehlt, hat einen Namen: Executive Presence.

Was ist Executive Presence?

Executive Presence ist die Fähigkeit, in Schlüsselsituationen Vertrauen, Klarheit und Führungsanspruch zu vermitteln, und das so, dass andere Sie ernst nehmen, ohne dass Sie es einfordern müssen. Sylvia Ann Hewlett, die als Erste das Konzept systematisch erforscht hat, beschreibt drei Dimensionen, die sich in einer Studie unter 268 Führungskräften herauskristallisiert haben: Gravitas (Souveränität, ruhige Autorität), Communication (klar, präzise, situationsangemessen) und Appearance (Erscheinungsbild, Körpersprache).

Wichtig ist die Gewichtung: Gravitas trägt laut Hewletts Forschung etwa 67 Prozent zur wahrgenommenen Executive Presence bei, Communication 28 Prozent, Appearance nur 5 Prozent. Wer Executive Presence verbessern will, hat also den größten Hebel nicht beim Outfit, sondern bei der inneren Haltung, die nach außen sichtbar wird.

Warum Executive Presence Karriereverläufe prägt

In Hewletts Untersuchung beschreiben Senior Leader Executive Presence als einen der entscheidenden Faktoren bei der Bewertung möglicher Nachfolger:innen für höhere Positionen, also als einen Faktor, der weder im Lebenslauf noch im KPI-Reporting auftaucht. Wer in den ersten 90 Sekunden eines Boardroom-Auftritts nicht „Vorstand” wirkt, bekommt häufig kein zweites Mandat.

Das ist keine angenehme Wahrheit, aber eine relevante. Executive Presence ist kein nettes Extra, sondern ein eigenständiger Karriere-Faktor, mit Einfluss auf Beförderung, Sichtbarkeit, Budget-Zuteilung und Verhandlungsergebnisse.

Was Executive Presence nicht ist

Bevor wir uns ansehen, was hilft, lohnt sich ein Blick auf häufige Missverständnisse:

  • Executive Presence ist nicht Charisma. Charisma ist eine angeborene Anziehungskraft. Executive Presence ist trainierbar und basiert auf Verlässlichkeit unter Druck.
  • Executive Presence ist nicht Dominanz. Dominanzverhalten löst kurzfristig Wirkung aus, beschädigt aber das Vertrauen. Echte Präsenz wirkt souverän, ohne andere klein zu machen.
  • Executive Presence ist nicht Performance. Wer eine Rolle spielt, wird durchschaut, meist innerhalb der ersten Minuten. Präsenz ist gerade nicht Theater, sondern das Gegenteil: Kongruenz zwischen dem, was Sie denken, was Sie fühlen und wie Sie wirken.
  • Executive Presence ist nicht Selbstdarstellung. Senior Leader, die ständig über sich selbst sprechen, signalisieren Unsicherheit. Wer wirklich Präsenz hat, hört zu, fragt präzise und entscheidet dann klar.

Die drei Dimensionen im Detail

Gravitas: Die innere Statur

Gravitas zeigt sich darin, wie jemand mit Druck umgeht. Bleibt die Stimme tragfähig, wenn die Frage kritisch wird? Bleibt der Blick verbunden, wenn der Aufsichtsrat skeptisch wird? Wird unter Stress mehr oder weniger zugehört? Gravitas ist die Fähigkeit, im Sturm das Steuer ruhig zu halten, und das spürt jeder im Raum, oft bevor ein einziges Wort gesagt wurde.

Communication: Klarheit als Führungswerkzeug

Klare Kommunikation ist mehr als rhetorische Eleganz. Es ist die Fähigkeit, Komplexes auf das Wesentliche zu reduzieren, ohne zu vereinfachen. Es ist auch die Fähigkeit zu schweigen, wenn Schweigen wirkungsvoller ist als Reden. Senior Leader mit hoher Communication-Präsenz sprechen häufig weniger als andere, aber das, was sie sagen, hat Gewicht.

Appearance: Stimmig, nicht aufgesetzt

Erscheinungsbild ist der kleinste der drei Faktoren, und der am häufigsten überbewertete. Es geht nicht um teure Anzüge oder das richtige Markenparfum, sondern um Stimmigkeit: Passt, was Sie tragen, zum Anlass, zur Branche und zu Ihnen selbst? Wer sich verkleidet, verliert Präsenz. Wer authentisch und situationsangemessen auftritt, gewinnt sie.

Warum „Power Posing” allein nicht funktioniert

2010 wurde die Idee populär, durch eine offene Körperhaltung („Power Pose”) für zwei Minuten den Hormonhaushalt zu verändern und damit selbstsicherer aufzutreten. Die ursprüngliche Studie von Carney, Cuddy und Yap fand große mediale Resonanz. Eine größere Replikationsstudie von Ranehill et al. 2015 mit 200 Teilnehmenden konnte den Hormoneffekt nicht reproduzieren. Carney selbst hat sich später öffentlich von der Hormon-These distanziert.

Das heißt nicht, dass Körperhaltung egal ist, im Gegenteil. Aber zwei Minuten Bizeps-Pose vor dem Meeting reichen nicht. Was wirkt, ist die Fähigkeit, in der konkreten Drucksituation zentriert zu bleiben. Das ist eine Fertigkeit, kein Trick. Sie wird durch wiederholte Praxis aufgebaut, nicht durch ein One-Shot-Hack.

Was wirklich wirkt: drei evidenzbasierte Wege

1. 1:1 Executive Coaching

Ein:e qualifizierte:r Executive Coach (idealerweise mit ICF-Zertifizierung wie PCC oder MCC) arbeitet über mehrere Monate hinweg an konkreten Situationen aus Ihrem Alltag. Sie analysieren reale Auftritte, üben gezielt neue Reaktionsmuster und bekommen Feedback, das Ihre Mitarbeiter:innen Ihnen niemals geben würden. Diese Arbeit verändert Verhalten dauerhaft, nicht nur für eine Präsentation. Executive Coaching für CEOs und Vorstände ist genau für diese Tiefe gedacht.

2. Embodiment-basierte Methoden

Ansätze wie Leadership Embodiment (entwickelt von Wendy Palmer) arbeiten direkt mit dem Körper als Instrument. Anders als beim Power Posing geht es nicht um eine Pose, sondern um trainierbare Fertigkeiten: Zentrierung, Atemführung, bewusste Ausrichtung. Diese Fertigkeiten bleiben verfügbar, wenn der Druck steigt, weil sie auf neurophysiologischer Ebene verankert sind. Mehr zur wissenschaftlichen Grundlage finden Sie in unserem Beitrag Leadership Embodiment: Warum Führung im Körper beginnt.

3. Bewusste Praxis im Echtbetrieb

Executive Presence wächst nicht im Seminarraum, sondern in den realen Situationen, die Ihnen ohnehin begegnen. Was hilft: nach jedem wichtigen Meeting drei Minuten Reflektion. Was war meine Wirkung? Wo bin ich aus der Mitte gekommen? Was würde ich beim nächsten Mal anders machen? Diese Mikro-Reflexion, idealerweise begleitet von einem Coach, der Muster erkennt, verändert mehr als jedes Buch.

Was Sie jetzt tun können

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Wirkung nicht zu Ihrer fachlichen Substanz passt, lohnt sich ein strukturiertes Gespräch. Im kostenlosen Erstgespräch klären wir gemeinsam, woran es konkret liegt, und welcher Weg (Coaching, Embodiment-Workshop oder eine Kombination) für Ihre Situation am sinnvollsten ist.

Häufig gestellte Fragen zu Executive Presence

Lässt sich Executive Presence trainieren oder ist sie angeboren?

Executive Presence ist trainierbar. Während einzelne Persönlichkeitsfaktoren stabil sind, zeigen Forschung und Coaching-Praxis, dass die zentralen Bausteine (Gravitas, klare Kommunikation, stimmiges Auftreten) durch gezielte Arbeit über mehrere Monate spürbar entwickelt werden können.

Wie lange dauert es, Executive Presence zu entwickeln?

Erste spürbare Veränderungen zeigen sich in der Coaching-Arbeit oft nach zwei bis drei Monaten. Tiefere Veränderungen, also solche, die auch unter starkem Druck stabil bleiben, brauchen typischerweise sechs bis zwölf Monate strukturierter Arbeit.

Was ist der Unterschied zwischen Executive Presence und Charisma?

Charisma ist eine schwer definierbare, oft persönlichkeitsnahe Anziehungskraft. Executive Presence ist enger gefasst und beruht auf souveränem Verhalten unter Druck, klarer Kommunikation und situativer Stimmigkeit. Charisma kann hilfreich sein, ist aber weder notwendig noch hinreichend für Executive Presence.

Funktioniert Power Posing wissenschaftlich?

Die hormonelle Wirkung von Power Posing konnte in größeren Replikationsstudien (z.B. Ranehill et al. 2015) nicht bestätigt werden. Was bleibt, sind kleine Effekte auf das subjektive Selbstgefühl. Für die Entwicklung echter Executive Presence ist Power Posing kein tragfähiger Weg, wohl aber strukturierte Arbeit an Körperhaltung und Atemführung im Coaching oder in Embodiment-Workshops.

Welche Rolle spielt das Geschlecht?

Frauen werden in Studien zu Executive Presence häufiger an doppelten Maßstäben gemessen: zu zurückhaltend wirkt unsicher, zu klar wirkt aggressiv. Gute Coaching-Arbeit berücksichtigt diese systemischen Faktoren und arbeitet daran, eine eigene, stimmige Präsenz zu entwickeln, statt sich an Stereotypen anzupassen.

Wissenschaftliche Quellen

  • Hewlett, S. A. (2014). Executive Presence: The Missing Link Between Merit and Success. HarperBusiness.
  • Ranehill, E., Dreber, A., Johannesson, M., et al. (2015). Assessing the Robustness of Power Posing: No Effect on Hormones and Risk Tolerance in a Large Sample of Men and Women. Psychological Science, 26(5), 653–656.
  • Carney, D. R. (2016). Statement on power posing replication. Open response disavowing the original hormonal claims.
  • Goleman, D. (1998). What Makes a Leader? Harvard Business Review.
  • Palmer, W. & Crawford, J. (2013). Leadership Embodiment: How the Way We Sit and Stand Can Change the Way We Think and Speak.

Weiterführend zur Frage, warum Präsenz und Urteilsvermögen unter Druck zusammenhängen: Wenn Führungskräfte nicht entscheiden.

Über die Autorin

Dr. Judith Girschik ist Geschäftsführerin des Leadership Institute Wien und Vizepräsidentin der ICF Austria. Als ICF Professional Certified Coach (PCC) begleitet sie seit über 15 Jahren Vorstände, Geschäftsführer:innen und Senior Leader internationaler Unternehmen. Sie hat den EMEA Entrepreneur Award 2025 erhalten und unterrichtet als Vortragende an Fachhochschulen und Universitäten.

Verwandtes Angebot: Leadership Training in Wien: Inhouse-Programme für Unternehmen und offene Seminare für Führungskräfte.

Passend dazu: Was macht gute Führung heute aus? Warum Haltung wichtiger geworden ist als Macht

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